HNA, 23. August 2010 / pdi
Aufstand beim Gleisbau


Baunatal. Der Bahnhof Guntershausen wirkt am Sonntag morgen verschlafen. Kaum Passagiere, selten ein Zug, der vorbeibraust. Doch rund 40 Zaungäste am Rand der Bahnanlage sind trotzdem ganz gespannt.

Das liegt an Dr. Klaus-Peter Lorenz, dem Dozenten der Volkshochschule, der seine Zuhörer wortgewandt in eine Zeit entführt, als in Guntershausen noch Eisenbahngeschichte geschrieben wurde. Er erzählt von den wilden 1840er-Jahren, als die Arbeiter beim Gleisbau wegen der miserablen Arbeitsbedingungen die Büros der Ingenieure in Brand zu setzen drohten. Lorenz zählt auf, wie viel Prominenz auf der einst bedeutenden Drehscheibe zwischen Frankfurt und dem Osten Deutschlands durch das Dorf rollte oder sogar, wie Fürst Otto von Bismarck, im einstigen Hotel Bellevue, dem Altbau des jetzigen Marie-Behre-Altenheims, Station machte.

Die goldenen Zeiten, die Gemütlichkeit am Bahnhofsbuffet, sind längst vorbei. Lorenz deutet hinüber zum Bahnhofsgebäude, dort wo einst die Bahnwärter in ihrem, scherzhaft Giftbude genannten, Aufenthaltsraum saßen. Das könne man nicht besichtigen, dort regiere der Schimmel, sagt der Dozent bedauernd. Die Bahn lasse das Gebäude planvoll verkommen.

Fasziniert sind die Geschichtsspaziergänger dennoch. Heinz Schaumburg aus Dörnhagen hat 1973 nach der Schicht bei VW auf dem Heimweg die schrecklichen Folgen des Schnellzugzusammenstoßes gesehen. Sein Sohn Thomas aus Melsungen bekam vom Innenleben des Bahnhofs etwas mit, als er als Kind seinen Eisenbahner-Onkel im sogenannten Beamtenhaus besuchte.

Auch der frühere Abfertigungsbeamte Horst Siebert hat sich der Wanderung im Rahmen der Nordhessen-Aktion „Blauer Sonntag“, angeschlossen. Der Bahnhof war eine Station auf seiner Karriereleiter bei der Bahn. (pdi)

 

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