Industrielle Geschichte


Die industrielle Geschichte Nordhessens ist vielfältig und differenziert. Mit der folgenden Seite möchten wir Ihnen mit einigen Schlaglichtern einen ersten Eindruck vermitteln und Sie zu eigenen Entdeckungen, beispielsweise an einzelnen Standorten, anregen.

Vorindustrielle Produktion

Schon vor der industriellen Phase wurden einige Produktionsstätten in Nordhessen von den Landesherren zur gezielten Förderung der Wirtschaft ins Leben gerufen. Vor allem Landgraf Philipp der Großmütige (1518 – 1567 / Messinghütte in Oberkaufungen, Hessischer Gläsnerbund, Braunkohlenabbau am Meißner u.v.m.) und Landgraf Carl (1677 – 1730 / Landgraf-Carl-Kanal, Eisenhütte in Veckerhagen, Messinghof Kassel, Gießhaus Kassel u.v.m.) förderten zahlreiche, noch heute bekannte Produktionsstätten.
Französischer Flüchtlinge führten neue Erzeugnisse und Produktionsmethoden, insbesondere in der Lederverarbeitung und im Textilgewerbe ein: gewirkte Strümpfe, Glacé-Handschuhe.
Handwerk und Gewerbe waren in Nordhessen bereits lange vor 1840 überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Im großen und ganzen erwies sich die überwiegend in ländlichen Gegenden angesiedelte Industrie als wenig krisenanfällig. Die in den Fabriken beschäftigten Arbeitskräfte bezogen in den meisten Fällen nicht allein ein Einkommen aus ihrer gewerblichen Tätigkeit, sondern bewirtschafteten daneben noch kleine landwirtschaftliche Betriebe. Dieses System ineinandergreifender Erwerbstätigkeit ermöglichte es den Unternehmern, in konjunkturell ungünstigen Zeiten die Arbeitszeit zu verkürzen oder auch Arbeitskräfte zu entlassen, um sie bei Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wieder einzustellen.

Industrialisierung ab 1866

Den Weg der „eigentlichen“ Industrialisierung hatte Nordhessen vergleichsweise spät beschritten. Er blieb unter dem restriktiven Kurs der kurfürstlichen Regentschaft Einzelinitiativen vorausschauender Unternehmer überlassen, das traditionelle Gewerbe den gewandelten Marktstrukturen anzupassen. Die Okkupation durch Preußen 1866 belebte die Konjunktur und beschleunigte den Wandel. Die sich ansiedelnden Industriezweige wurden entscheidend durch das Vorhandensein bestimmten Standortfaktoren beeinflusst, wie z.B. Rohstoffe und Energieträger, aber auch eine verkehrsgünstige Lage.

Die Anstöße zur Mechanisierung der Betriebe, die besonders früh im Bergbau (Braunkohle, Kali, Ton, Kupfer, Schwerspat) und in der Textilherstellung einsetzte, ergaben sich meist zwangsläufig aus der Marktsituation. Gegen ausländische Konkurrenz und Billigwaren konnten sich traditionelle Gewerbe nur noch selten behaupten. Sie überlebten nur, wenn sie die Möglichkeiten für eine billige Produktion ausschöpften.
Die zunehmende Mechanisierung und der Ausbau des Eisenbahnnetzes verbesserten die Transportkostensituation und schufen günstigere Bedingungen für den Bezug von Rohstoffen und Absatz.


Entwicklung ab dem ersten Weltkrieg

Mit dem ersten Weltkrieg gewann die Produktion von Lokomotiven und Rüstungsgütern an militärischer Bedeutung, die Fa. Henschel in Kassel war zu diesem Zeitpunkt eine der größten deutschen Produzenten von Lokomotiven. In der Zeit des Dritten Reiches entstanden neben Produktionsstandorten in Kassel mit der Munitionsfabrik Hirschhagen (ab 1935) und der Wiederaufnahme des Kupferschieferbergbau im Richelsdorfer Gebirge (Wiederaufnahme 1938) weitere Schwerpunkte in Nordhessen.
Insbesondere in Waldeck-Frankenberg begann nach dem 2. Weltkrieg eine zweite Phase der Industrialisierung, die dazu führte, dass der zu Beginn des 20. Jh. ländlich geprägte Bereich heute einen hohen Anteil an Arbeitern in der Industrie vorweisen kann. Hieran zeigt sich, dass in den Teilregionen von Nordhessen die Industrialisierung mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vorangeschritten ist.